Integration gelingt, wenn Nachbarschaft entsteht.

 

Integration gelingt, wenn Nachbarschaft entsteht

65.700 geflüchtete Menschen sind in den letzten eineinhalb Jahren nach Berlin gekommen. Ihre In-tegration ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Nicht nur Unterbringung und Versorgung sind ge-fragt, sondern auch die Einbindung in die Nachbarschaft, in Wohnen, Arbeit, Bildung, Freizeit und Kul-tur.
Stadtteilzentren und Nachbarschaftshäuser übernehmen diese Aufgabe. Sie sind Träger von sozial-raum- und gemeinwesenorientierter Kinder-, Jugend-, Familien- und Seniorenarbeit. Sie haben langjäh-rige Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund. Sie betreuen zahlreiche Eh-renamtliche, die die Arbeit auf vielfältige Weise unterstützen. Und schließlich begleiten und unterstüt-zen sie Flüchtlingsinitiativen und Willkommensbündnisse. Sie entwickeln flexibel und bedarfsgerecht neue Aktivitäten für und mit Geflüchteten.

Den Dialog gestalten
Stadtteilzentren und Nachbarschaftseinrichtungen leisten einen Beitrag dazu, dass ein authentischer Dialog zwischen Berlinerinnen und Berlinern entsteht, dass Menschen vernetzt werden und gemein-sam ihre Nachbarschaft gestalten. Dabei leisten sie keine reine Flüchtlingssozialarbeit, sondern richten sich immer an alle Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Stadtteil.

Kompetenzen und Leistungen
Die besondere Kompetenz von Stadtteilzentren und Nachbarschaftseinrichtungen liegt darin, die Selbstorganisation von Menschen zu fördern und Begegnung zu ermöglichen. So können informelle Unterstützungsnetzwerke entstehen, die die Eigenverantwortung der Geflüchteten stärken und Kon-takt mit ihren Nachbarn möglich machen.

Begegnung ermöglichen und Begleitung organisieren
In den letzten Monaten sind Begegnungsstätten in unmittelbarer Nähe zu Unterkünften entstanden, die öffentlich zugänglich sind und in denen sich gemeinsame Aktivitäten entwickeln. Aber auch wenn die direkte räumliche Nähe nicht gegeben ist, bieten Stadtteilzentren und Nachbarschaftshäuser durch ihre besonderen Angebote Raum und Gelegenheit zu Begegnung:

  • offene Treffpunkte für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung
  • Freizeitaktivitäten für Kinder und Erwachsenen (Sport, Spiel)
  • Kulturarbeit mit Menschen als Begegnungsangebot
  • Räume für Ausstellungen, Theater, Konzerte von Hobby- und Profikünstlern
  • Fahrradwerkstätten, Repair-Cafés
  • Möglichkeit zum ehrenamtlichen Engagement für Geflüchtete
  • Patenprojekte, Vermittlung und Begleitung von (Ankommens-)Patenschaften zwischen Ge-flüchteten und Nachbarn
  • Willkommensfeste / interkulturelle Feste

    Kräfte bündeln und Partizipation ermöglichen
    Eine partizipative Grundhaltung prägt Stadtteilzentren und Nachbarschaftshäuser. Sie richten den Blick auf Interessen und Fähigkeiten der Menschen. Sie schaffen Gelegenheiten zur aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben im Stadtteil und stärken die Position der Neuankömmlinge in der Nachbarschaft. Sie tun dies indem sie

  • Prozesse gestalten und moderieren, z.B. Anwohnerversammlungen, Aufbau von Un-terstützungskreisen
  • Beteiligungsstrukturen für Anwohnerinnen und Anwohner sowie Geflüchtete ermöglichen
  • Netzwerke knüpfen, um Kontakte zu vermitteln zwischen Politik, Verwaltung, Bewohnern und Bewohnerinnen, Geflüchteten, Initiativen
  • „Zivilgesellschaftliche Kontrolle“ ermöglichen, z.B. im Dialog mit Heimbetreibern.

Initiativen begleiten und Engagement stärken
Stadtteilzentren und Nachbarschaftshäuser sind Kontakt- und Anlaufstellen für interessierte Nachbarn. Jeder dritte Interessierte wird zum Engagierten. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Stadtteil-zentren

  • schulen, begleiten und beraten Ehrenamtliche und Freiwillige in der Projektarbeit
  • moderieren in Konfliktfällen
  • unterstützen Initiativen und Willkommensbündnisse
  • bieten Anerkennung und Wertschätzung z.B. durch Dankeschön-Veranstaltungen (Konzerte, Feste u.a.), Aufwandentschädigungen und persönliche Gespräche.

Notwendige Rahmenbedingungen
Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, brauchen Stadtteilzentren entsprechende Rahmenbedingungen:

  • schnelle Informationen über Standorte von Unterkünften und frühzeitige Einbindung in die Planung
  • eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Betreibern von Unterkünften, u.a. Zugänge zu Räumen und Kontaktmöglichkeiten zu den Bewohnerinnen und Bewohnern
  • Finanzierung von zusätzlichem strukturellen und professionellen Arbeitsaufwand

In Berlin erfolgt dies seit Anfang 2016 unter anderem über 30 „Willkommenskulturprojekte“, die an die senatsgeförderten Stadtteilzentren angebunden sind und je 20.000 Euro im Jahr für diese Aufgabe erhalten. Das ist ein guter Anfang – ein Ausbau ist möglich und notwendig! Denn Integration gelingt nicht von heute auf morgen, Integration braucht einen Rahmen und muss dann beginnen, wenn un-sere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger hier ankommen – also vom ersten Tag an.
Paritätischer Wohlfahrtsverband LV Berlin, Anne Jeglinski, Leiterin der Geschäftsstelle Bezirke
Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V., Barbara Rehbehn, Geschäftsführerin